30Mai
By: Jakob Medick An: Mai 30, 2018 In: Kommentar, News

Der Koalitionsvertrag von Union und SPD von März 2018 verspricht zwar nicht den ganz großen Wurf für P2G, enthält jedoch einige vielversprechende Ankündigungen mit Blick auf P2G und die Sektorenkopplung. Die Anerkennung von grünem Wasserstoff in Upstream-Raffinerie-Prozessen auf die Treibhausgas-Reduktionsverpflichtungen von Kraftstoffherstellern könnte erste Business Cases von P2G in der Industrie ermöglichen. Außerdem soll ein systemdienlicherer Ausbau von erneuerbaren Energien (EE) sichergestellt werden, was die Nachfrage nach Energiespeichern wie P2G erhöhen sollte. Auch ein Level Playing Field von Speichern soll unter Berücksichtigung von marktverschließenden Umlagen und Entgelten gewährleistet werden. Darüber hinaus sollen Speicherkapazitäten in ihrer Funktion als Bindeglied zwischen den Sektoren gefördert werden. Auch die Förderung von Wasserstoff und Brennstoffzellen im Straßen- und Schiffsverkehr soll vorangetrieben werden. Generell spricht der Koalitionsvertrag von einer Stärkung der Wasserstofftechnologien im Sinne der Sektorenkopplung, verzichtet dabei aber auf Details.

Auch in der öffentlichen Debatte wird das Thema immer sichtbarer. Auf den Berliner Energietagen und weiteren Branchenveranstaltungen war das Thema Sektorenkopplung und Wasserstoff allgegenwärtig und bestimmten viele der Paneldiskussionen zum Energiesystem der Zukunft. Und in einem Punkt waren sich Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Politik einig: P2G wird in den nächsten Jahren für die Erreichung der langfristigen Klimaschutzziele eine entscheidende Rolle spielen, insbesondere für die nur schwer zu dekarbonisierenden Sektoren wie Schiffs-, Flug-, und Schwerlastverkehr aber auch für den Einsatz CO2-neutraler industrieller Rohstoffe. Zudem wird P2G als saisonaler Speicher einen wichtigen Beitrag zur Systemintegration von EE leisten und zur Aufrechterhaltung der Systemstabilität langfristig unabdingbar sein. Damit wird auch einer “all-electric world” eine klare Absage erteilt.

Auch geeignete Maßnahmen, die den Markthochlauf von P2G unterstützen könnten, wurden über das im Koalitionsvertrag betrachtete Maß hinaus diskutiert: besonders die Einführung einer CO2-Bepreisung in den nicht vom Emissionshandel betroffenen Sektoren erhält breite Unterstützung und kann die Wettbewerbssituation und die Refinanzierungsmöglichkeiten für emissionsarme Technologien verbessern. Auch wenn aus den Ministerien viel Zustimmung für ein solches Instrument zu vernehmen war, scheint es unter Parlamentariern bislang noch schwer durchsetzbar.

Auch eine Reform bzw. Dynamisierung der Entgelte und Umlagen ist nach Ansicht vieler Branchenexperten ein wichtiger Anreiz für Flexibilitätsoptionen wie P2G und steht bereits seit längerem auf der energiepolitischen Agenda. In diesem Zusammenhang wird häufig auch die Verordnung für zuschaltbare Lasten genannt, die aktuell noch auf Power-to-Heat-Anwendungen beschränkt ist und perspektivisch für weitere Technologien geöffnet werden sollte. Dadurch könne erneuerbarer Überschussstrom auch in weiteren Endverbrauchssektoren außerhalb des Stromsektors nutzbar gemacht werden und dem wachsenden Problem von Netzengpässen und Abregelungen Abhilfe schaffen. Für dieses Problem könnte P2G künftig ohnehin eine wichtige Lösung darstellen. Auch wenn der Netzausbau weiterhin oberste Priorität genießt, sieht es nicht danach aus, dass der Ausbau in dem Tempo voranschreitet, wie es zur Integration der steigenden EE-Volumen nötig wäre. An dieser Stelle könnten P2G und weitere Flexibilitätsoptionen über regionale Redispatch-Märkte stärker nachgefragt werden. Auch hierzu wären jedoch vorher noch Anpassungen im Rahmen der Anreizregulierung notwendig, damit Verteilnetzbetreiber mit einer finanziellen Grundlage ausgestattet werden, die entsprechenden Flexibilitäten wettbewerblich am Markt zu beschaffen.

Schließlich wäre auch ein Marktanreizprogramm für P2G oder ein Quotensystem für grünes Gas im Wärmesektor denkbar. Hierzu kursieren zwar verschiedene Modelle, die jedoch bislang noch nicht Eingang in die breite politische Debatte gefunden bzw. ein entsprechendes Maß an Unterstützung erhalten haben.

Auch wenn für einen Markthochlauf noch einige regulative Barrieren zu beseitigen sind und auch die Ankündigungen des Koalitionsvertrags erst noch konkretisiert werden müssen, scheint das Stimmungsbild weitaus günstiger als noch vor einigen Jahren. Doch die Zeit drängt: Will Deutschland sich an die Spitze der Bewegung setzen und sich in eine Industrie- und innovationspolitische Vorreiterrolle beim Thema P2G begeben, muss so schnell wie möglich ein Rechtsrahmen geschaffen werden, der den involvierten Akteuren Investitionssicherheit gewährleistet. Nur so wird Deutschland die Energiewende vollenden und seiner Vorbildfunktion in Sachen Klimaschutz gerecht werden können.